Die «NZZ am Sonntag» hat mit einem halben Dutzend Insidern gesprochen und kommt zum Schluss, der Schweizer Handel erlebe den härtesten Preis- und Verteilkampf seiner Geschichte. Gewinner seien Coop und Lidl, während Migros, Denner und Aldi strauchelten. Am Ende stehe ein Sieger fest: die Konsumenten.

Das sind überprüfbare Behauptungen. FoodAlly erfasst die Preise der grossen Schweizer Händler täglich — also haben wir nachgemessen.

Wie wir gemessen haben

Wir vergleichen jeden Artikel mit sich selbst. Ein Warenkorb-Vergleich sagt, wer heute günstiger ist; er sagt nicht, ob sich ein Preis bewegt hat — ein Händler, der bloss billige Eigenmarken ins Sortiment nimmt, sieht im Korb günstiger aus, ohne einen einzigen Preis gesenkt zu haben.

Für jeden Artikel nehmen wir deshalb den Median-Regalpreis in der Woche um den Stichtag und stellen ihn dem Median-Regalpreis in der Woche um einen früheren Stichtag gegenüber. Der Median statt eines Tagespreises ist Absicht: die Ketten fahren ihre Aktionen an festen Wochentagen, und eine zweitägige Aktion soll nicht als Preissenkung durchgehen. Wir messen also, was mit dem regulären Regalpreis passiert ist.

11 864 — Artikel im 90-Tage-Vergleich

5 — Ketten

90 — Tage: 8. Juni → 6. Sept. 2026

Befund 1: Die meisten Preise bewegen sich überhaupt nicht

[Interaktive Grafik — in der Web-Ansicht auf foodally.ch]

In drei Monaten des angeblich härtesten Preiskampfs der Geschichte steht der reguläre Preis von 73 bis 85 Prozent aller Artikel exakt dort, wo er stand — nicht ungefähr, sondern auf den Rappen genau. Bei Migros sind es 85,0 Prozent, bei Coop 83,3, bei Aldi 83,0, bei Lidl 79,2, bei Denner 72,8.

Bewegung gibt es, und sie zeigt netto nach unten: Bei allen fünf Ketten wurden mehr Artikel günstiger als teurer. Aber die Grössenordnung ist eine andere als die Kriegsmetaphorik nahelegt. Bei Migros wurden 9,8 Prozent der Artikel günstiger und 5,2 Prozent teurer — ein Netto von 4,6 Prozentpunkten auf ein Vierteljahr.

Ein Preiskampf, der pro Quartal rund jeden zehnten Artikel im Preis senkt und fast jeden zwanzigsten erhöht, ist realer Wettbewerb — aber er ist nicht das, was «härtester Kampf der Geschichte» im Laden bedeutet. Für die grosse Mehrheit der Artikel ändert sich schlicht nichts.

Befund 2: Der aggressivste Preissenker ist ausgerechnet Denner

Der Artikel zählt Denner zu den Strauchelnden: Chef weg, seit April kein Nachfolger, die Mutter Migros ratlos. In den Preisen sehen wir das Gegenteil.

Denner hat im Sommer 2026 mit Abstand am meisten Preise gesenkt: 22,5 Prozent seiner Artikel wurden günstiger, nur 4,7 Prozent teurer — netto +17,8 Prozentpunkte, mehr als das Dreifache jeder anderen Kette. Coop, im Artikel als Gewinner geführt, ist mit netto +1,3 Prozentpunkten das Schlusslicht: 9,0 Prozent günstiger stehen 7,7 Prozent teurer gegenüber.

Das dreht die Erzählung um. Wer sich am wenigsten am Preiskampf beteiligt, ist laut unseren Daten der, den der Artikel als Gewinner beschreibt — was zur Bemerkung der Coop-Medienstelle passt, man zettle den Preiskampf nicht an.

Befund 3: Beim Fleisch bewegt sich Coop, nicht Aldi

Der Artikel macht Fleisch zum Hauptschauplatz: Aldi habe die Offensive gestartet, Lidl dieses Jahr die Preise auf Speck, Würste und Plätzli rasiert.

[Interaktive Grafik — in der Web-Ansicht auf foodally.ch]

In der Kategorie Fleisch sieht es über die letzten 90 Tage so aus:

KetteArtikelgünstigerexakt gleichteurer
Migros4689,6 %89,1 %1,3 %
Coop19725,9 %50,8 %23,4 %
Aldi14511,7 %85,5 %2,8 %
Lidl14918,1 %77,9 %4,0 %

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Migros' Fleischpreise sind die unbeweglichsten überhaupt — fast neun von zehn Artikeln unverändert, nur 1,3 Prozent teurer. Von einem Frequenzbringer, um den erbittert gekämpft wird, ist bei der Nummer eins wenig zu sehen.

Zweitens: Coop ist die einzige Kette mit echter Bewegung beim Fleisch — und zwar in beide Richtungen. Nur gut die Hälfte der Artikel blieb gleich, ein Viertel wurde günstiger, fast ein Viertel teurer. Das ist das Muster eines Sortiments, das laufend umgebaut wird, nicht das einer Preisoffensive.

Lidl liegt mit 18,1 Prozent Senkungen auf Platz zwei — die Wurst-Offensive aus dem Artikel findet sich also in den Daten wieder, nur eben nicht als Alleinstellung. Aldi bewegt beim Fleisch mit 11,7 Prozent weniger als der Durchschnitt.

Wir erfassen das gelistete Sortiment, nicht die Bedienungstheke. Ein Teil des Fleischgeschäfts — gerade bei Migros und Coop — läuft über die Theke und taucht in unseren Daten gar nicht auf. Die Aussage gilt für abgepacktes Fleisch.

Befund 4: «Niemals teurer als die Konkurrenz» hält nicht

Die Migros hat 2024 versprochen, über tausend Artikel zu senken und sie nie teurer anzubieten als die Konkurrenz. Wir prüfen das an unserem 25-Positionen-Warenkorb, für den wir bei jedem Händler den günstigsten vergleichbaren Artikel suchen.

[Interaktive Grafik — in der Web-Ansicht auf foodally.ch]

Von 25 Positionen ist die Migros auf 9 die teuerste der fünf grossen Ketten und auf nur 2 die günstigste.

Fairerweise: Das Versprechen galt einer bestimmten Liste von Artikeln, und welche das sind, veröffentlicht die Migros nicht — wir können also nicht prüfen, ob es auf dieser Liste eingehalten wird. Was wir prüfen können, ist der Eindruck, den es erzeugt: dass man bei der Migros nicht draufzahlt. Für einen alltäglichen Warenkorb stimmt das nicht. Das passt zur Rolle rückwärts, die der Artikel zitiert — für die Migros stehe «nicht der Preis allein im Vordergrund».

Die Rangliste des ganzen Korbs, Stand 6. September 2026 (anders als die Vergleiche oben ist dies eine Momentaufnahme der aktuellen Preise — die Grafik darüber zeigt jeweils den tagesaktuellen Stand und kann davon leicht abweichen):

107.53 — Lidl (Fr./Woche)

107.61 — Aldi

136.51 — Migros (+27 %)

142.11 — Coop (+32 %)

174.49 — Denner (+62 %)

Zwei Beobachtungen dazu. Aldi und Lidl trennen acht Rappen auf einen Korb von 108 Franken — dass der eine vorne wegzieht und der andere strauchelt, lässt sich am Preis nicht ablesen. Und Denner ist die teuerste der fünf Ketten, 62 Prozent über Lidl, obwohl der Artikel Denner zu den drei Discountern zählt.

Das ist kein Widerspruch zu Befund 2, sondern seine Erklärung: Denner senkt gerade deshalb so viel, weil das Preisniveau hoch ist. Und Denner ist da stark, wo der Artikel den Kampf verortet — bei Aufschnitt & Wurst ist Denner mit 7.80 Fr./kg der günstigste Anbieter im ganzen Vergleich, günstiger als Aldi (9.98), Lidl (11.09), Migros (12.86) und Coop (16.04).

[Interaktive Grafik — in der Web-Ansicht auf foodally.ch]

Befund 5: Über zwölf Monate hat Aldi am meisten gesenkt

[Interaktive Grafik — in der Web-Ansicht auf foodally.ch]

Auf Jahressicht können wir nur zwei Ketten sauber verfolgen (warum, steht unten). Dort zeigt sich: Aldi hat deutlich am meisten gesenkt — 45,9 Prozent der Artikel günstiger als vor einem Jahr, 17,6 Prozent teurer. Bei Migros sind es 15,9 gegenüber 11,3 Prozent.

Das passt schlecht zur Erzählung des strauchelnden Aldi und der Migros, die 500 Millionen Franken pro Jahr in tiefere Preise steckt. Zur Einordnung: Aldis Panel umfasst 329 langlebige Artikel und ist damit klein und in Richtung Stammsortiment verzerrt; die Migros-Zahl beruht auf 3389 Artikeln.

Was wir nicht prüfen können

Der Anfang des Preiskampfs fehlt. Unsere Preisreihen beginnen im Januar 2025. Die Aldi-Fleischoffensive von Herbst 2024 und die Ankündigung der Migros-Tiefpreisstrategie liegen davor — dazu können wir nichts sagen.

Coop, Lidl und Denner lassen sich nicht über ein Jahr verfolgen — aus zwei verschiedenen Gründen. Coop und Denner erfassen wir erst seit Juni 2026; davor gibt es schlicht keine Daten. Bei Lidl reichen die Reihen zwar bis Januar 2025 zurück, aber der Händler vergibt seinen Artikeln laufend neue Kennungen, sodass sich derselbe Artikel nicht durchgehend verfolgen lässt. In beiden Fällen gilt: Diese drei erscheinen im 90-Tage-Vergleich, aber nicht im Jahresvergleich.

Aktionen sind bewusst herausgerechnet. Wir messen den regulären Regalpreis. Ein Teil des Preiskampfs wird über Wochenaktionen geführt, und die sehen unsere Zahlen absichtlich nicht. «Unverändert» heisst: der Normalpreis steht still — nicht, dass der Artikel nie im Angebot war.

Marge, Umsatz und Marktanteil sehen wir nicht. Ob eine Kette gewinnt oder verliert, ist eine betriebswirtschaftliche Frage. Wir können nur sagen, was am Regal passiert.

Fazit: Der Sieger ist nicht der Preiskampf, sondern die Ladenwahl

Die Kernaussage des Artikels — es tobe ein Kampf, und die Konsumenten gewännen — hält unsere Daten nur halb aus. Netto sinken die Preise bei allen fünf Ketten, das stimmt. Aber die Bewegung betrifft rund jeden zehnten Artikel pro Quartal, und für vier von fünf Artikeln ändert sich gar nichts.

Wer im Sommer 2026 tatsächlich sparen wollte, tat das nicht, indem er auf den Preiskampf wartete. Der gesamte Netto-Effekt eines Quartals liegt bei allen Ketten im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der Wechsel des Ladens bringt 62 Prozent — von 174.49 Franken bei Denner auf 107.53 bei Lidl, für denselben Warenkorb, am selben Tag.

Und die Zuschreibungen des Artikels finden wir so nicht: Der eifrigste Preissenker ist Denner, nicht Coop. Beim Fleisch bewegt sich Coop, nicht Aldi. Und zwischen dem Gewinner Lidl und dem Strauchelnden Aldi liegen acht Rappen.

Korrektur vom 6. September 2026. In der ersten Fassung stand, Coop, Lidl und Denner vergäben ihren Artikeln so häufig neue Kennungen, dass keine Jahresreihe möglich sei. Das stimmt nur für Lidl. Coop und Denner erfassen wir erst seit Juni 2026 — die fehlende Jahresreihe liegt dort an unserer Datenbasis, nicht am Verhalten der Händler. Wir haben die Stelle korrigiert. An den Zahlen des Beitrags ändert sich nichts; der 90-Tage-Vergleich war davon nie betroffen.

Grundlage sind die täglichen FoodAlly-Preiserhebungen bei Migros, Coop, Aldi, Lidl und Denner. Verglichen wird je Artikel der Median-Regalpreis in der Woche um den Stichtag (±7 Tage) mit demselben Wert am früheren Stichtag; nur Artikel, die an beiden Stichtagen geführt waren, gehen ein. Neu gelistete und ausgelistete Artikel fallen heraus, ebenso Ketten mit weniger als 30 vergleichbaren Artikeln.

Der Warenkorb-Vergleich umfasst 25 Positionen mit festen Mengen für einen vierköpfigen Haushalt; je Position und Händler zählt der günstigste vergleichbare Artikel. Die Rohdaten dieser Auswertung liegen offen unter preiskampf.json und vendor-compare.json.

Warum FoodAlly?

FoodAlly ist ein neutraler, werbefreier Preisvergleich für Schweizer Lebensmittel — ohne Affiliate-Links und ohne bezahlte Platzierungen. Das günstigste Angebot steht oben, weil es das günstigste ist, und aus keinem anderen Grund.

  • Kostenlos — keine Registrierung, kein Abo, keine Werbung
  • Neutral — keine Provisionen und keine kommerziellen Vereinbarungen mit Migros, Coop, Aldi, Lidl, Denner oder anderen Händlern
  • Preisverlauf seit 2025 — täglich erfasste Preise — damit du eine echte Aktion von einem Schein-Rabatt unterscheiden kannst
  • Über 300’000 Produkte von mehr als 50 Händlern — Grundpreise normalisiert auf CHF pro Kilo, Liter oder Stück, damit Packungsgrössen wirklich vergleichbar sind

Mehr als ein Preisvergleich

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